„Ein Instrument gegen den wieder erstarkenden Antiziganismus in Europa“

Zum Abschluss unserer Reise: Drei Fragen an vier TeilnehmerInnen

Beate, 17 Jahre alt

Was war für dich das Positivste an unsere Reise?

Der Grillabend mit den Roma-Jugendlichen aus Rankovce und Kecerovce. Das war schön, weil es so ausgelassen war, dass wir uns unterhalten haben, dass wir Musik gemacht haben, gesungen haben, gegessen haben, einfach beieinander war. Und das ganze Elend, was wir gesehen haben, einfach nicht zu spüren war sondern das es einfach eine gute Stimmung war.

Und das Negativste?

Das ganze Elend zu sehen. Ich fand das total schwierig, damit umzugehen, die ganzen Bilder im Kopf zu ordnen und auseinander zu klamüsern. Es ist wichtig, dass man weiß, dass es so was gibt… aber es hätte mir auch nicht geschadet, hätte ich das alles nicht gesehen. Es war schon ziemlich hart.

Was war das Wichtigste?

Mich mal damit zu beschäftigen, dass es in unserer heutigen Welt, in der wir leben, Menschen gibt, die komplett anders leben, als wir,auf eine Art, von der man denken sollte, dass es das seit 500 Jahren oder so nicht mehr gibt.

Karin, 28

Was war für dich das Positivste an unsere Reise?

Einerseits die Begegnung mit dem Menschen selbst. Also auch zu sehen, wie es Menschen schaffen, sich auch unter den widrigsten Umständen zu arrangieren. Und andererseits den Austausch darüber in der Gruppe.

Und das Negativste?

Mit der langen Verfolgungs- und Ausgrenzungsgeschichte der Roma vor Ort direkt konfrontiert zu werden. Und dieses Gefühl der Hoffnungslosigkeit zu haben, weil das das so ausweglos und so gesetzt ist, dass das so sich weiterentwickeln, sich reproduzieren wird.

Und das Wichtigste?

Bestimmte Systematiken, Zusammenhänge und Muster besser zu durchschauen und wiederzuerkennen, um mit Informationen besser umgehen zu können. Und mit den Vorurteilen, denen man so tagtäglich begegnet, auch produktiv entgegentreten zu können. In dem Sinne ist die Reise auch Öffentlichkeitsarbeit, ein wirkungsvolles Instrument gegen den wieder erstarkenden Antiziganismus in Europa.

Rainer, 55

Was war für dich das Positivste an unsere Reise?

Zum einen der Gruppenzusammenhalt, der sich im Laufe der Woche festigte und auch kontroverse Diskussionen zuließ. Weiterhin der Tag in Kosice und dort insbesondere das Treffen mit der NGO, die sich für die zwangs-sterilisierten Frauen einsetzt.

Was war das Negativste?

Der Besuch bei der Vize-Bürgermeisterin, weil ich glaube, dass wir wir dort als Gruppe etwas überheblich aufgetreten sind, weil einige von uns meinten, sich aufgrund der geringen Information, die sie hatten, schon ein Bild über die Situation der Roma in der Slowakei machen zu können und auch schon Vorschläge für deren Integration machen zu können.

Und das Wichtigste?

Das Wichtigste? Die persönlichen Kontakte zu den Menschen, die uns Thomas vorgestellt hat, also wieder zu der Frauen-NGO, aber auch zu den anderen Repräsentantinnen und Repräsentanten aus den Roma-Communities.

Eberhard, 77 Jahre alt

Was war für dich das Positivste an unsere Reise?

Die Gruppe, ihre Fragen und das Erlebnis mit der Gruppe zu diesem eigentlich ganz fremden und sperrigen Thema.

Das Negativste?

Ich könnte nicht sagen, das etwas negativ war. Irritiert hat mich die Diskrepanz zwischen dem zufriedenen, glücklichem Bild, das die Roma bei mir hinterlassen haben und dem Elend, in dem sie leben.

Und das Wichtigste?

Diese Erkenntnis.

Smizany, 18.5.2012

Kino im Kopf

Am Morgen unserer Abreise aus Herlany in Richtung Slowakisches Paradies sitzen wir, die TeilnehmerInnen der politischen Radreise zu den Roma-Siedlungen in der Ostslowakei, noch einmal im Saal des Hostels am Kaltwassergeysir zusammen. Reiseleiter Thomas bittet uns,die Augen zu schließen und einfach nur zuzuhören.

„Das Licht geht aus,“ sagt Thomas, als wir soweit sind, „auf der Leinwand erscheinen wir mit unseren Rädern. Wir fahren von Herlany in Richtung Rankovce,wo uns Bürgermeister Hada erwartet. Er führt uns zur Roma-Siedlung am Ortsrand in Richtung Kecerovce. Roma-Frauen, Männer und Kinder stehen an der Straße und grüßen, einige gucken auch aus ihren Häusern. Dann erreichen wir den neuen Brunnen. Die ersten Anwohner nähren sich skeptisch unserer Gruppe…“

Kopf im Kino

Blick von der Straße auf die Roma-Siedlung am Ortsrand von Rankovce (Foto: Rüdiger Rossig)

Tatsächlich tauchen die Bilder des Vortages vor meinem geistigen Auge auf, während Thomas spricht. Ich bin überrascht, dass ich auf diese Weise wirklich noch einmal erleben kann, was ich zwei Tage zuvor wirklich erlebt habe. Ich befinde mich einen Moment lang wirklich wieder am Ortsrand von Rankovce und höre dem kleinen Bürgermeister mit den traurigen Augen zu, der stolz von seinen erfolgreichen Bemühungen berichtet, seine Mitbürger mit dem Allernotwendigsten zu versorgen: Wasser. Und das, ohne auf meine zahlreichen Notizen und die entsprechenden Fotos zu schauen.

„Methode Kopfkino“ nennt Thomas das, als er fertig ist. Vor meinem geistigen Auge ist das Bild, dass seine Stimme in meinem Kopf erzeugt hat, stehen geblieben: Die sogenannte Dritte Welt am Rand eines Dorfs mitten in der sogenannten Zivilisation. Mitten in Europa.

Herlany, 17.5.2012

Zaungäste in der Romasiedlung

Im einem verregneten Mai radle ich mit einer Touristengruppe der besonderen Art durch die Ostslowakei: Wir schauen uns das Leben der hier ansässigen Roma an. Dabei bestätigen sich meine Vorteile – gegenüber deutscher Sozialromantik. Roma hingegen können so normal sein, dass sie auch Hausbesitzer in Korschenbroich im Rheinland sein könnten.

Zaungäste in der Romasiedlung

Blick auf die Roma-Siedlung (Foto: Ronald Pabst)

Wir betreten eine Siedlung, wie sie in vielen Orten Europas stehen könnte. Ein Dorf, erweitert um ein paar Neubauten, die mit viel Eigeninitiative, Gründungsgeist und Schweiß errichtet wurden.

Ich stolziere unsicher mit ein paar anderen Radlern hindurch, geführt von einer slowakischen Hausbesitzerin. Störend ist allerdings ein halbfertiges Haus im Ortskern: Der Rohbau steht verrammelt – die Familie ist gerade in England. Komplett.

Dann führt uns die Frau durch ihr Haus. Verputzte Wände warten auf den ersten Anstrich, halbverlegter Laminat mit Trittschalldämmung mahnt zum vorsichtigen Aufsetzen der schweren Schuhe – ich will ja nicht der erste sein, der sich auf diesem Boden mit einer Macke verewigt.

Insgesamt erinnert mich die Führung an Korschenbroich. Dort präsentierte mir im letzten Herbst ein Freund sein Haus. Zurecht mit viel Stolz, denn er hat es sich erarbeitet und vieles selbst gemacht. Auch ein paar wenige Tropfen meines Schweißes flossen dort, als wir gemeinsam einen Haufen Schotter hinters Haus schippten und schubkarrten. Dieser ist die Grundlage für die Terrasse, auf der wir noch sicher den einen und den anderen Grillabend verbringen werden. Und wie bei einem Neubau üblich waren die Zäune noch nicht abgesteckt und es roch nach frischem Putz und trocknender Farbe.

Diesen Geruch haben neue Bauten so an sich, daran erinnert mich der Geruch hier im Romadorf. Auch hier stehen keine Zäune: auch nicht bei den Häusern, die schon lange stehen. Einer der Radler findet das schön; es erinnert ihn an eine große Familie, die gemeinsam wohnt, ohne das die Kinder beim Spielen von hohen Zäunen daran gehindert werden, einfach mal auf das Grundstück des Nachbarn zu gehen. Unpassende Sozialromantik. Denn die Hausbesitzerin, die hätte lieber Zäune – und klare Verhältnisse.

Denn der Grund dafür, das hier keine Zäune stehen, der ist gar nicht romantisch. Denn niemand weiß, wo das eigene Grundstück aufhört und das des Nachbarn anfängt. Das hat etwas mit Freiheit zu tun, mit Vogelfreiheit. Der Grund und Boden gehört nicht den Bewohnern. Genehmigungen werden recht unbürokratisch erteilt: Laut Schilderung der Frau ist der gewählte Bürgermeister durch den Ort gegangen und hat den Bauwilligen gezeigt, wo sie denn bauen könnten. Wie lange kann ein Haus auf so einem Fundament stehen?

Diese Zeitspanne könnte sehr lang werden: Die Gemeinde möchte den Grund erwerben und den Roma weiterverkaufen. Doch natürlich möchte der jetzige Eigentümer dabei einen guten Preis erzielen und spekuliert. Rechtssicher abgeschlossen scheint der Handel noch nicht.

Zum Glück scheint in diesem Fall kein Grund zur Panik zu bestehen. Die Frau ist Sozialarbeiterin und weiß, was sie tut. Doch es gibt auch Berichte von Menschen, die in dieser Gegend recht brutal aus dem kulturübergreifenden Eigenheimtraum gerissen wurden. Was heißt das denn? Wenn die Arbeit von vielen Jahren, das Lebensziel genommen wird? Lohnt es in solchen Unsicherheiten überhaupt, sich für etwas anzustrengen?

Obwohl die Abgrenzungen fehlen, bleiben wir hier nur Zaungäste, die nur einen flüchtigen Blick auf das Alltagsleben werfen. Es gibt so viel mehr zu sehen und zu begreifen, was ich nicht verstehen will. Kapieren tue ich nur eins: Einfache Antworten, die gibt es hier nicht. Nur komplizierte Fragen.

Herlany, 16.5.2012

Ronald Pabst

Ein Bürgermeister für alle Bürger

Man sieht ihm an, dass er schwere Probleme stemmen kann.“ So kommentierte einer unserer Radreise-Teilnehmer das Äußere von Mirloslav Galas-Zaufal, dem Ortsvorsteher von Kecerovce. In der Nachbargemeinde von Rankovce leben 240 Slowaken, 2.680 Roma und seit neustem auch eine chinesische Familie, die – was sonst? – einen „Azia Tekstil Obuv“ betreibt. Zu deutsch: Einen dieser typischen Läden mit billigen Textilien aus Fernost, die seit Jahren überall in Ostmitteleuropa eröffnet werden.

Ein Bürgermeister für alle Bürger

Miroslav Galas-Zaufal, Bürgermeister von Keverovce, mit Teilnehmern der Radreise (Foto: Rüdiger Rossig)

Bürgermeister Galas-Zaufal ist von Beruf Forstwirt – und gehört als Slowake zur zweitgrößten Minderheit im Ort. Trotzdem hat die Mehrheit der örtlichen Romi-Mehrheit den „weißen“ Sozialdemokraten gewählt. Warum?

„Miroslav kann die Leute hier zusammen bringen,“ erklärt Sozialarbeiter Julius „Julo“ Pecha, der unsere Gruppe zum Rathaus von Kecerovce begleitet hat. „Es hatten sich auch Romi zur Wahl gestellt, aber die wurden nur von ein paar Leuten gewählt, wahrscheinlich aus ihrer Verwandtschaft oder ihrem Ortsteil. Da war klar, dass die nur einen Teil der Bevölkerung vertreten würden.“ Galas-Zaufal dagegen arbeite alle Bürgerinnen und Bürger des Ortes, „das beweist er jeden Tag durch seine Arbeit,“ so Plecha, der selbst Rom ist.

„Unser größtes Problem ist die Arbeitslosigkeit“, erklärt der Bürgermeister. Bei den Romi lag die bei seinem Amtsantritt bei 100 Prozent – aber auch unter der slowakischen Bevölkerung haben nur 40 Prozent einen Job. Galas-Zaufal hat gleich nach seiner Wahl ein Arbeitsbeschaffungsprogramm aufgelegt und 300 Romi für „niedrigschwellige Arbeiten“ wie die Säuberung des Ortes und Reparaturarbeiten an den öffentlichen Gebäuden angestellt. „Wir hätten gerne mehr gemacht“, sagt der Mitt-Dreißiger mit den breiten Schultern, aber dafür fehlt uns Geld“. Was Wunder, wenn rund um Kercovce kein einziger größerer Betrieb die Transformation vom Sozialismus zum Kapitalismus überlebt hat.

Die Arbeitslosen erhalten – natürlich unabhängig von ihrem „ethnischen Hintergrund“ – eine staatliche Unterstützung von 80 Euro pro Erwachsenem im Monat. Kinder erhalten ein bisschen weniger. Bei einer vierköpfigen Familie kommen so rund 200 Euro zusammen. Diejenigen, die für das Beschäftigungsprogramm der Gemeinde arbeiten, kriegen 60 Euro pro Monat dazu. Das ist – gemessen am slowakischen Durchschnittsgehalt, das bei 700 Euro liegt – nicht viel. „Aber hier in der Ostslowakei sind die Löhne und Gehälter sowieso niedriger als im Westen,“ sagt der Bürgermeister. „Und außerdem ist den Leuten sowieso erstmal am wichtigsten, dass sie überhaupt etwas zu tun haben.“

Zudem hat der Bürgermeister nach seiner Wahl vor einem Jahr ein Lebensmittelhilfe-Programm für die Ärmsten in der Gemeinde aufgelegt. Es gibt nämlich auch Leute, die keine Sozialhilfe erhalten, weil sie keine Papiere haben. Was hat sich Galas-Zaufal für die kommenden drei Amtsjahre vorgenommen? „Wir unterstützen die beiden Fußballvereine vor Ort,“ sagt der Bürgermeisten. Es gibt einen slowakischen und einen Roma-Club in Kecerovce. „Immerhin spielen die beiden jetzt gegeneinander – und bringen auch ihre Auswärts-Pokale immer bei mit im Rathaus vorbei.“

Zudem würde der Sozialdemokrat mit dem beeindruckend breiten Kreuz gerne das Land kaufen, auf dem die drei illegalen Roma-Siedlungen in Kecerovce stehen. Aber hier fehlt – neben Geld – der Wille der slowakischen Besitzer, an eine Gemeindeverwaltung zu verkaufen, die die Roma-Siedlungen legalisieren will.

Will der Bürgermeister noch mal kandidieren? Galas-Zaufal denkt einen Moment nach, bevor er antwortet. „Das hier ist ein 24-Stunden-Job, sagt er dann. „Ich denke schon jetzt öfter daran, wie einfach der Leben als Forstwirt war.“

Helany, 15.5.2012

In der Maurer-Schule von Rankovce

Der Weg von Herlany nach Rankovce ist nicht weit, die Fahrt dauert aber dank der hügeligen Landschaft hier im Osten der Slowakei seine Zeit. Und auch ein bisschen Schweiß, wenn man mit dem Rad unterwegs ist.

Die Berufsschule von Rankovce ist eine schlichtes Gebäude in  der Mitte des Ortes. Vor dem Eingang erwartet uns Stanislav Hada, einer der ganz wenigen Roma-Bürgermeister in der Slowakei – und wahrscheinlich weltweit – zusammen mit den beiden Lehrern, die hier den Jugendlichen des Ortes das Maurer-Handwerk beibringen.

In der Maurer-Schule von Rankovce

Durch ein ärmliches, aber liebevoll gepflegtes Treppenhaus gelangen wir ins Klassenzimmer im 1. Stock. In den Bücherregalen im hinteren Teil des Raums steht unter anderem Karl May. Ganz offensichtlich geht es hier nicht nur um Kelle und Mörtel, sondern auch um andere Bereich von Bildung. Die Tafel auf der anderen Seite des Klassenzimmers steht auf einem Tischchen. Darüber sind die Löcher zu sehen, wo sie irgendwann einmal aufgehängt werden soll.

Die Schüler – rund 10 junge Roma-Männer aus Rankovce – stehen etwas unsicher im Raum, in dem sich unsere 17 Teilnehmer plus Bürgermeister, Lehrkräfte und einem TV-Team des Roma-Medienzentrums Mecem sammeln. Fragen sie sich, was all die Weißen hier wollen?

Die Jungen des Orts sollen Maurer lernen, weil man in diesem Beruf auch Arbeit findet, berichtet der Lehrer. Für die Mädchen gibt es die Möglichkeit, sich zur Schneiderin ausbilden zu lassen – aber die nehmen nicht viele wahr. Die Eltern sind skeptisch, was die Ausbildung ihrer Töchter angeht. Und sie haben das letzte Wort.

Unsere Fragen beantworten die Schüler mit Verzögerung. Und es redet auch nur einer von ihnen. Dass das nicht daran liegt, dass wir nicht willkommen sind, zeigt sich, als wir die Schule verlassen: Alle Schüler wollen zu den nächsten Punkten unseres Besuchs in Rankovce mitkommen. Auf dem Weg fällt mir noch auf, dass im Flur der Schule ein Plakat hängt, das vor Menschenschmuggel warnt.

Herlany, 14. Mai 2012